Was ich in Lissabon gelernt habe

Was ich in Lissabon gelernt habe

Watschn bedeutet Ohrfeige, grobes Salz ist zum Nachsalzen der größte Müll und eine Heizung in der Wohnung zu haben ist Luxus. Schnelles Gehen, vor allem bergauf, ist vollkommen unnötig und der portugiesische café ist der deutsche Espresso. Zahlreiche Weisheiten, die mich jetzt am Ende meiner Reise zu einem wichtigen Schluss führen: weg zu sein ist schön, aber Zuhause anzukommen ist besser.

Nachdem heute Nacht die Temperaturen unter die zehn Grad gefallen sind und ich in einer nahezu lachhaft dicken Jacke unter zwei Decken schlafen gegangen bin, ist mein Enthusiasmus erheblich gesunken. Der Winter scheint auch hier mittlerweile angekommen zu sein. Trotz der Lissabonner Sonne anstatt von deutschem Schnee macht sich eine ungemütliche Atmosphäre bemerkbar. Ein Land, oder eher eine Stadt, die auf 25 Grad durchschnittlich eingestellt ist, dessen Wohnungen Klimaanlagen und Ventilatoren anstatt von Heizungen und wärmeisolierten Wänden besitzen, ist Temperaturen unter zehn Grad absolut nicht gewachsen. Kombiniert mit meinem Optimismus beim Kofferpacken und den daraus resultierenden fehlenden Wollsocken, dicken Schals, Mützen und Handschuhen, sehe ich mich gezwungen das Schicht-Prinzip einer Zwiebel anwenden zu müssen. Schönen guten Tag, mein Name ist Zwiebel. Frierende Zwiebel. Ich trinke meinen Tee weder geschüttelt, noch gerührt.

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Atemberaubend

Atemberaubend

Entscheidet man sich an einem sonnigen Sonntag nach Sintra zu fahren, so muss man vielerlei Dinge beachten.

  1. 80% der Anwesenden vor Ort sind Touristen.
  2. Die restlichen 20% bestehen größtenteils aus lächelnden Touristenführern, die einen irgendwie für dämlich halten, weil man „nicht von hier“ kommt.
  3. Jegliche Aussage, man würde zu Fuß zum Castelo dos Mouros gehen, wird kopfschüttelnd und händeringend von eben jenen Touristenführern als nahezu unmöglich, wenn nicht gar riskant bewertet.
  4. Fahrt um Himmels Willen nicht mit einem Sightseeing-Bus zu irgendwelchen Aussichtspunkten, sondern geht zu Fuß!

Nachdem uns ein freundlicher, wenn auch ein wenig schleimiger Touristenführer anhand seiner Karte erläuterte, man würde mindestens eine Stunde zum Castelo dos Mouros brauchen, entschieden wir uns zu Fuß zu gehen. Lipper sind schließlich ein sparsames Völkchen, und auch wenn wir alle der Heimat mehr oder weniger „entflohen“ sind, so setzen sich manche Ansichten auch im Ausland immer wieder durch. In diesem Falle eindeutig zu unserem Glück, da wir sonst nicht nur einiger Euronen beraubt worden wären, sondern auch wunderschöner An- und Aussichten. Mit dem Blick nach oben und dem Wissen „da wollen wir hin!“ stiefelten beziehungsweise turnschuhten wir durch Sintra. 200 Meter über und einige Meter vor uns befand sich das Castelo dos Mouros, eine ehrwürdige Burgruine, derer der Begriff Burgruine eigentlich nicht gerecht wird. Nachdem wir von der Zugstation einige Meter Richtung historischen Stadtzentrums gegangen waren, führte uns das Schild „Parque da Liberdade“ in einen romantisch überwucherten Park. Neben den etwas breiteren park-üblichen Wegen erstreckten sich vor uns zahlreiche verwinkelte Treppchen, die uns auf den Weg nach oben führten.

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Auf halber Strecke fanden wir inmitten all des Grünzeugs und der Treppen sogar einen Fußballplatz mit einer altehrwürdigen Tribüne.

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Nach dem Verlassen des Parque da Liberdade irrten wir mehr oder weniger ziellos umher („Ey, da sind gerade Leute abgebogen, lass uns da auch mal lang gehen“) und fanden schließlich den ausgeschilderten Weg zum Castelo. Ich war mir zu diesem Zeitpunkt noch nicht bewusst, was 200 Höhenmeter bedeutet, geschweige denn, dass ich wusste, dass ich diese Anzahl nun hinter mich bringen würde. Der Park war schon eine kleine Herausforderung mit seinen vielen Treppen, aber der Weg zum Castelo war im wahrsten Sinne des Wortes atemberaubend. Nach einer steil ansteigenden kopfgepflasterten Straße verließen wir die Zivilisation und tauchten ein in die Welt der Eukalyptusbäume und schraubenförmigen, nicht näher identifizierten Pflanzen. Der Weg ging mehr als nur steil auf und die unterschiedlich hohen Treppenstufen waren eine Herausforderung an sich. Mehr als einmal habe ich meine Kondition verflucht, und dabei schaffe ich mittlerweile beim Laufen zehn Kilometer. Aber der Blick zurück ließ immer wieder den Stolz über den bereits zurückgelegten Weg siegen, sodass ich letzten Endes mithilfe von Keksen und ein paar Pausen das Ziel erreichte.

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Am Castelo dos Mouros angekommen, hatte man das Ziel jedoch noch nicht ganz erreicht. Nun galt es vom Ticketschalter hinauf bis zu den Zinnen der Burg zu gelangen. Selbstverständlich über Treppen. Meine Beine hätten vermutlich vor lauter Verachtung kehrtum gemacht, wenn mein Kopf sie nicht gehindert hätte. Und ich bin froh, dass mein Kopf sich durchgesetzt hat, denn die Aussicht auf dem Castelo dos Mouros ist atemberaubend. Sogar noch atemberaubender als der Weg dorthin. Die Aussicht reicht gefühlt über ganz Portugal und wenn man genau hinschaut, hat man das Gefühl man könne ganz weit hinten eigentlich schon Spanien sehen. Soweit reichte der Blick natürlich nicht, aber dennoch fühlte man sich recht erhaben, als könne der Mount Everest auch nicht wesentlich höher sein.

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Castelo de São Jorge 

Castelo de São Jorge 

Bei bestem Wetter war heute die Burg vom Heiligen Georg an der Reihe. Da ganz oben auf einem Hügel/Berg gelegen, kommt man am besten über zwei Fahrstühle zum Castelo. Der Weg zu Fuß ist geringfügig anstrengend und weniger zu empfehlen. Beim Castelo selbst bildet sich vor allem nachmittags eine längere Schlange beim Ticketschalter. Gegen Mittag ist es jedoch ertragbar. Das schönste am Castelo ist die rundum herausragende Aussicht. Die Stadt lässt sich wunderbar von allen Seiten aus sehen, genauso wie die Ponte 25 de Abril und Cristo Rei. Das Panorama ist vermutlich auch der Grund für den Touristenandrang. Denn das Castelo an sich ist eher nur nett. Die Treppen, die auf die höheren Ebenen führen, sind ein wenig unheimlich aufgrund der teils mangelnden Treppengeländer und der hohen Stufen (das ist mindestens hundert mal schlimmer als in meiner Wohnung!). Aber sonst gibt es nichts Spektakuläres über die Burg zu berichten. Dem Castelo sollte man auf jeden Fall nur bei gutem Wetter einen Besuch abstatten. Sonst ist der Weg nach oben leider ziemlich unnötig.  

Die Lissabonner Innenstadt

Die Lissabonner Innenstadt

Nach einem erfolgreichen Samstag mit viel Hin und Her und noch mehr Hoch und Runter ist mir Lissabon noch immer ein Rätsel. Der Stadtteil Alfama ist wohl rechts vom Praça do Comércio, sprich im Osten. Aber dann ist man auf einmal in Graça und steht dann doch wieder vorm Rossio. Der Reiseführer spricht dann zusätzlich noch von der Oberstadt, was wohl das Bairro Alto sein dürfte. Aber oben ist man nicht nur dort. Nach Almada sind wir schließlich auch bergauf gegangen. Aufgrund meiner Verwirrung glaube ich, dass mir die Einteilung in die verschiedenen Stadtviertel genauso viel hilft wie die Einteilung von Musik in die verschiedenen Genres. Egal unter welcher Überschrift etwas steht, im Endeffekt zählt doch nur, wie es bei einem ankommt. Lissabon ist soweit sehr gut bei mir angekommen. Durch die vielen Hügel hat man einen herrlichen Blick über die Stadt von verschiedenen Perspektiven aus. Die schmalen mit Kopfsteinen gepflasterten Bürgersteige sind zwar unpraktisch, wenn ein Passant entgegenkommt, aber sie haben auch ihren Charme. Die verwinkelten Gassen und die schmalen Durchgänge und Treppen zwischen den Häusern lassen den üblichen Großstadtstress verschwinden. Allein die Abwesenheit von Autos ist unheimlich beruhigend. Auch Einbahnstraßen sind im Vergleich zu dreispurigen Straßen ein wahrer Genuss. Manche Häuserfronten erwecken den Eindruck, dass hier Jahre oder jahrzehntelang niemand mehr drin gewohnt hat. Unkraut wächst zwischen den Dachziegeln und am Balkon. Die Fenster sind teilweise zerbrochen, während dahinter noch der weiße Spitzenvorhang weht. Ab und zu entsteht der Eindruck, hier sei die Zeit stehen geblieben. Die „typischen“ Lissaboner Häuser haben vor ihren Fenster immer einen kleinen Balkon. Die Außenwand ist mit Azulejos (Fliesen/Kacheln) bedeckt, die die verschiedensten Muster haben. Nach einer Weile glaubt man, ein Muster wiedererkannt zu haben, doch im direkten Vergleich fallen die feinen Unterschiede auf. Der Verfall macht auch vor den Fliesen nicht halt. An einigen Stellen sind die Ecken beschädigt und abgesplittert, manchmal fehlen ganze Fliesen. Doch diese kleinen „Mängel“ schaden Lissabons Aussehen auf keinen Fall, ganz im Gegenteil.   

   
Wenn ich Berlin mit Lissabon vergleiche, so muss ich gestehen, dass mir Lissabon wesentlicher attraktiver erscheint. Auch wenn hier deutlich weniger Fahrrad gefahren wird (entweder aufgrund der fehlenden Radwege oder aufgrund der bergigen Landschaft), so ist die atemberaubende Aussicht auf den Miradouros, die verwinkelten Gassen und Treppen zwischen den Häusern ein fairer Ausgleich zur mangelnden Bewegung. Außerdem sollte man die Anstrengung des Bergaufwärtsgehens nicht unterschätzen. In einer Straße nicht nur die Häuser links und rechts zu sehen, sondern zur einen Seite hin einen Blick auf den Fluss zu haben, während sich auf der anderen Seite die Häuser den Hügel hinauf erstrecken, ist wesentlich spannender. Hochhäuser in Lissabon wirken wie normale Einfamilienhäuser. Ob durch ihre Bauweise, oder dass sie meist nicht mehr als vier Etagen haben, der Eindruck, dass vor mir ein riesiger Betonklotz steht, ist mir in der Innenstadt noch nicht entstanden. Die Großstadthetzerei aus Berlin habe ich in Lissabon noch nicht kennen gelernt. Selbst die Autofahrer sehen nie genervt aus, wenn sie aufgrund des dritten Zebrastreifens innerhalb von hundert Metern schon wieder für einen Passanten anhalten müssen. Die Passanten selbst haben die Ruhe weg. Während ich am ersten Tag im „deutschen Tempo“ zur Bushaltestelle ging (heute würde ich sagen ‚rannte‘), schlendere ich heute gemütlich Richtung Bus. In der Schlange zum Bus wird man vorgelassen, wenn man länger an der Haltestelle stand, als die Person vor einem. Wenn ich das jemals in Deutschland sehen sollte, markiere ich mir den Tag im Kalender. Hier lässt man sich Zeit für alles und Ungeduld scheint ein Fremdwort. Es dauert nun mal so lange, wie es dauert.

Let’s go, Geronimo!

Let’s go, Geronimo!

Nach einer ereignisreichen Woche mit dem ersten von drei familiären Besuchen gibt es unglaublich viel zu erzählen. Heute werde ich mich allerdings auf ein großes Bauwerk beschränken: das Mosteiro des Jerónimos, oder auch das Hieronymuskloster. Das Weltkulturerbe in Belém ist auch bei Regen sehr schön und vor allem überdacht. Während man die Kirche umsonst besuchen kann (zumindest sonntags), muss man für den Eintritt ins Kloster ein Ticket erwerben. Immerhin gab es Studentenrabatt von 50%, was mir sehr gelegen kam. Das Kloster ist ein einziger Touristenmagnet und obwohl ich kurz nach der Öffnung dort war, hatte sich schon eine lange Schlange gebildet. Aber es lohnt sich trotzdem möglichst früh dort zu sein, denn als ich ging war die Schlange mehr als doppelt so lang. Das Hieronymuskloster ist ziemlich beeindruckend. Da meine Beschreibungskünste bei Bauwerken und 500 Jahre alter Architektur jedoch auf ein Minimum beschränken, halte ich Bilder für sinnvoller.
  

Direkt neben dem Kloster steht die dazugehörige Kirche, die ich bereits erwähnt hatte. Ein wenig schade war, dass die sonst so ehrfürchtige Kirchenatmosphäre durch die vielen Touristen erheblich gestört wurde. Trotzdem eine sehr erhabene Kirche, die einen Besuch lohnt.

Cristo Rei und wunderschöne Aussichten

Cristo Rei und wunderschöne Aussichten

Aufgrund meines mangelnden Optimismus gegenüber dem Wochenende (zumindest was die Existenz von Sonne angeht) verschob ich meinen Ausflug zur Christusstatue auf den wunderschön sonnigen Donnerstag. Direkt nach der Arbeit fuhr ich mit dem Bus nach Belém, holte mir eine Packung Pasteis de Belém und setzte mich in den Zug bis nach Cais do Sodre. Von dort setzt die Fähre rüber auf die andere Seite des Flusses Tejo. Nach knapp zehn Minuten erreichte ich das Festland und fuhr mit der Metro vier Stationen bis nach Almada. Die „paar Meter“ bis zur Statue entpuppten sich als stetig ansteigend, sodass ich für die Strecke wesentlich länger brauchte als gedacht. Im Nachhinein hätte ich wohl doch den Bus nehmen sollen. So schlich ich also quälend langsam den Berg hinauf, begegnete auf dem Weg ungefähr 79 Katzen, zwei Hunden und 12 Menschen, und gelangte letzten Endes schwer atmend am Zaun, der das Gelände der Statue umgibt, an. Interessanterweise wird man nur durch ein Tor eingelassen, das ein Pförtner per Hand öffnet, wobei er dich beim Einlass prüfend anschaut. Die Statue an sich erinnert stark an den „großen Bruder“ in Rio de Janeiro und ist zwar nett anzuschauen, aber nicht wirklich spektakulär.

Cristo Rei
Cristo Rei

Dreht man dem Cristo Rei jedoch den Rücken zu, so hat man eine wundervolle Aussicht auf Lissabon und die Ponte 25 de Abril, die durchaus gewisse Ähnlichkeiten mit der Golden Gate Bridge aufweist. Dort oben habe ich dann auf einer der 100 Bänke mein überaus gesundes Abendessen verzehrt, die Aussicht genossen und nebenbei hunderte von Fotos geschossen.

Überblick über die Ponte 25 der Abril und Lissabon
Überblick über die Ponte 25 der Abril und Lissabon
Moi, mit Lissabon im Hintergrund
Moi, mit Lissabon im Hintergrund

Der Weg zurück zur Station in Almada war wesentlich angenehmer als der Hinweg. Als mir dann jedoch ein joggender Herr, schätzungsweise Mitte 60, entgegenkam, war mein sportlicher Geist doch ein wenig beschämt ob meiner Anstrengungen denselben Weg hinter mich zu bringen. Die Überfahrt zurück auf die andere Seite des Tejos war aufgrund der untergehenden Sonne ein weiteres optisches Spektakel, das zudem eine ungemeine Ruhe und Gelassenheit ausstrahlte.

Blick von der Fähre auf die Ponte 25 de Abril und Cristo Rei
Blick von der Fähre auf die Ponte 25 de Abril und Cristo Rei

Zusammenfassend (als ehemaliger Gymnasiast fühlt man sich dazu in der Pflicht) ein durchaus gelungener Kurzausflug, der Lissabon aus einer ganz anderen Sicht zeigt. Nämlich von weiter weg.

Oceanário de Lisboa 

O oceanário (pt.) = Ozeanarium, das (dt.)

Der Begriff „Sea Life“ mag den meisten vielleicht mehr helfen die fabelhafte Übersetzung „Ozeanarium“ einzuordnen. Das oceanário liegt auf dem ehemaligen Expo-Gelände und ist, so sagt zumindest mein Reiseführer, „eines der größten Meerwasseraquarien Europas“. Für einen regnerischen Tag in Lissabon auf jeden Fall zu empfehlen.